Bericht zur Veranstaltung „Klimakleber, Heizhammer, SUV-Wahn: Worum geht es beim Konflikt um eine lebenswerte Zukunft?“

Foto: Sebastian Drue

Nicht erst seit den von Greta Thunberg inspirierten Schulstreiks für das Klima machen sich viele Menschen Sorgen um die Natur und unsere Zukunft auf diesem Planeten. Gleichzeitig aber schrecken viele vor der Vorstellung zurück, ihre Lebensweise so umfassend ändern zu müssen, wie es Wissenschaftler:innen inzwischen als unumgänglich ansehen, um die Klima- und Biodiversitätskrise noch abmildern zu können und ihre Folgen global gerecht zu bewältigen. Zunehmend scheinen sich die Fronten bei sozial-ökologischen Themen zu verhärten. In der Politik wie auch in der Bevölkerung stehen sich gegensätzliche Vorstellungen immer unversöhnlicher gegenüber. Das zeigt sich in jüngster Zeit an einer steigenden Anzahl von Reizthemen: Straßenblockaden und Anschläge auf Kunstwerke als Form des Klimaprotestes statt friedlicher Demonstrationen, ein als „Heizhammer“ bezeichnetes Gebäudeenergiegesetz, ein als Ende der Freiheit dargestelltes/eine geschürrte Angst vor Tempolimit und Verbrenner-Aus. Antworten darauf, worum es im Konflikt um eine lebenswerte Zukunft wirklich geht und ob er die Gesellschaft spalten könnte, wurden bei der Veranstaltung am 21. September 2023 in den Rosensälen in Jena diskutiert.

Zunächst präsentierte Dr. Dennis Eversberg, Leiter der BMBF-Nachwuchsgruppe „Mentalitäten im Fluss (flumen)“, die wichtigsten Ergebnisse der „BioMentalitäten“ Umfrage, für die in den Jahren 2021 und 2022 4.000 Menschen in Deutschland zu ihren sozial-ökologischen Einstellungen und Handlungsgewohnheiten befragt wurden.

Im Anschluss moderierte Malene Gürgen (taz, die tageszeitung) eine Podiumsdiskussion zwischen Dr. Dennis Eversberg (flumen, FSU Jena), Prof. Dr. Daniela Gottschlich (Hochschule für Gesellschaftsgestaltung), Teresa Gärtner (ver.di Jena) und Robert Pauli (Klimaentscheid Jena) über sozial-ökologische Transformationskonflikte in der Gesellschaft.


Hauptergebnisse:
  • Aus der Umfrage sind zehn verschiedene Mentalitätstypen in der deutschen Bevölkerung erkennbar. Diese lassen sich in drei übergeordnete Spektren einordnen: das ökosoziale Spektrum, das konservativ-steigerungsorientierte sowie das defensiv-reaktive Spektrum.

  • Die Mentalitäten der Menschen sind stark geprägt von ihren jeweiligen gesellschaftlichen Positionen.

  • Aus den Mentalitäts- und Interessensgegensätzen in der deutschen Bevölkerung deuten sich teils tiefgreifende Konfliktlinien ab:

    1. Der neue sozial-ökologische Klassenkonflikt:
    Mit sinkendem gesellschaftlichem Status fühlen sich Menschen zunehmend entfremdet von gesellschaftlichen Institutionen, der Politik und der Gesellschaft insgesamt.

    2. Konflikt zwischen öffentlich-allgemeinen und privat-partikularen Interessen: Individuelle Besitzinteressen stehen dem Interesse nach öffentlichem Gemeinwohl gegenüber.

    3. Konflikt um die Kosten der sozial-ökologischen Transformation: Die Verteidigung von Privilegien durch wirtschaftliche Eliten verhindern Umverteilungs- und Ausgleichsmaßnahmen.

    4. Konflikt um Externalisierung / Internalisierung der sozialen und ökologischen Lasten: Die an Wachstumszwang ausgerichtete Lebens- und Wirtschaftsweise in Deutschland geht auf Kosten von größtenteils Frauen und Migrant:innen.

  • Für viele wissensbasierte, interpersonale und öffentlich finanzierte Branchen wie Gesundheit, Bildung und Pflege birgt eine sozial-ökologische Transformation Chancen. Diese müssten in öffentlichen Debatten stärker thematisiert und hervorgehoben werden.

  • Im Sinne einer sozial-ökologischen Transformation müssten Klimafragen viel stärker mit sozialen Belangen wie der öffentlichen Daseinsvorsorge und Sorgearbeit verbunden werden.

  • Öffentliche Diskurse müssten Aspekte der Transformation in den Fokus nehmen, die weniger am Wachstumsparadigma und an Kulturkämpfen orientiert sind und stattdessen auf Fragen zielen wie Was gehört zu einem guten Leben? Wo will unsere Gesellschaft hin?


Ergebnisse der BioMentalitäten-Umfrage

(In Kürze erscheint der Bericht zur Umfrage mit detaillierteren Beschreibungen der Mentalitäten und Informationen über den theoretischen Hintergrund und das methodische Vorgehen der Befragung. Er wird auf der flumen-Webseite veröffentlicht und dann auch an dieser Stelle verlinkt.)

Drei Mentalitätsspektren können in der deutschen Gesellschaft herausgestellt werden, die ganz unterschiedlich zu sozialen und ökologischen Fragen eingestellt sind: das ökosoziale, das konservativ-steigerungsorientierte und das defensiv-reaktive Spektrum. Sie fassen insgesamt neun von zehn Mentalitätstypen zusammen, die in der Umfrage herausgelesen wurden. Die Forschenden von flumen haben dann die einzelnen Mentalitätstypen in Bezug zur sozialen Situation der Befragten gesetzt, also zu deren sozialen und ökonomischen Verhältnissen wie Bildung, materieller Wohlstand, Familienhintergrund, Alter, Wohnort und so weiter. Daraus resultiert die zweite wichtige Erkenntnis der Umfrage: Mentalitäten sind mit ganz spezifischen Positionen in der Gesellschaft verbunden. Die soziale Position wird bestimmt erstens vom Status. Dieser reicht von einer hohen bis niedrigen, einer gut honorierten bis prekären, einer einflussreichen und wirksamen bis hin zu einer von Abhängigkeit bestimmten und unwirksamen Position. Diese Positionen bestimmen, ob ein Mensch von seinem sozialen Umfeld anerkannt und respektiert wird bzw. sich als solches oder eher marginalisiert fühlt. Zum zweiten wird die gesellschaftliche Position von der Statusgrundlage bestimmt. Entweder beruht der Status eines Menschen auf materiellen Ressourcen wie Eigentum (Land, Wohnfläche, Auto etc.) und auf Abhängigkeiten von Marktverhältnissen. Letztere kann bedeuten, dass der Status eines Menschen von einer beruflichen Tätigkeit geprägt ist, die stark marktabhängig ist; u.a. kann dies bei Landwirten und Landwirtinnen, handwerklichen und technischen Berufen, Tätigkeiten im Finanz-, Versicherungs- und Immobiliensektor auftreten. Oder aber der Status beruht auf immateriellen, nicht-gegenständlichen „Ressourcen“ wie Bildung und einer Abhängigkeit von der Allgemeinheit, wie es bei beruflichen Tätigkeiten mit eher wissensbasiertem und interpersonalem Charakter der Fall sein kann. Hier wären akademische, kulturelle Berufe, Tätigkeiten in Bildung, Pflege, Gesundheit beispielhaft zu nennen.

Foto: Sebastian Drue

Mit der Verknüpfung von Mentalitäten und den spezifischen gesellschaftlichen Positionen der Befragten hat die Forschungsgruppe flumen eine „Landkarte“ sozial-ökologischer Mentalitäten erstellt, die aufzeigt, wie unterschiedliche Teile der Bevölkerung zu Konzepten einer umfassenden Transformation hin zu post-fossilen Produktions- und Lebensweisen stehen und wie dies mit ihrer jeweiligen Position in der Gesellschaft zusammenhängt. Etwa ein Viertel der Bevölkerung weist Mentalitäten auf, die dem ökosozialen Spektrum zuzuordnen sind. Diese Menschen befinden sich in eher mittleren bis höheren Positionen in der Gesellschaft, wobei ihr Status auf immateriellen Ressourcen wie Bildung bzw. auf Tätigkeiten im Bildungs-, Kultur- und hochqualifizierten Dienstleistungsbereich beruht. Sie befürworten eine klimafreundliche und sozial gerechte, auf Gleichheit und Inklusion gerichtete Transformation und nehmen eher wachstumskritische Haltungen ein. Damit können sie sich ein Leben, Konsumieren und Produzieren vorstellen, das eingeschränkt ist oder gar auf das Notwendigste reduziert ist. Etwas mehr als ein Drittel der Bevölkerung können zum konservativ-steigerungsorientierte Spektrum gezählt werden. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie konservative und konformistische Einstellungen haben und eher auf Wachstum ausgerichtet sind. Sie nehmen unterschiedliche soziale Positionen ein: unter ihnen befindet sich die Wirtschaftselite ebenso wie Menschen in mittleren Statuspositionen. Ihr Status beruht in der Regel auf materiellen Ressourcen wie Eigentum und materiellem Wohlstand. Oft sind sie in technischen oder Verwaltungs- und Organisationsberufen eingebunden. Schließlich können etwa ein Drittel der Bevölkerung dem defensiv-reaktive Spektrum zugeordnet werden, deren soziale Position in der Regel mittel bis niedrig sowie unsicher und benachteiligt ist. Deren Mentalitäten sind geprägt von anti-ökologischen und wachstumsorientierten Haltungen. Sie stehen gesellschaftlichem Wandel skeptisch bis aggressiv gegenüber und nehmen ihre eigene soziale Position als unsicher oder bedroht wahr.

Aus den Mentalitäts- und Interessengegensätzen der „Bio Mentalitäten“ Umfrage sind vier Konfliktlinien ablesbar. Sie zeigen, dass angesichts anstehender Veränderungen hin zu einer sozial und ökologisch verträglicheren Zukunft teils massive gesellschaftliche Konflikte anstehen, die die bisherige demokratisch-freiheitliche Ordnung in Deutschland ins Wanken bringen könnten.

1. Der neue sozial-ökologische Klassenkonflikt

Dabei ist der politisch besorgniserregendste Befund, dass sich in den Befragungsergebnissen eine gesellschaftliche Spaltung durch Entfremdung bemerkbar macht. Viele Befragte, die vor allem dem defensiv-reaktiven Spektrum und teilweise dem konservativ-steigerungsorientierten Spektrum zugeordnet werden können, sehen sich mit schwindenden Beteiligungsmöglichkeiten konfrontiert und empfinden eine zunehmende Entfremdung von gesellschaftlichen Institutionen, der Politik und der Gesellschaft insgesamt. Sie lehnen zunehmend radikal „die Gesellschaft“ ab, die sie nur noch als etwas Abstraktes, Undurchschaubares und dem eigenen Leben gegenüber gleichgültiges wahrnehmen, aus der aber gleichzeitig immer neue Zumutungen an sie herangetragen werden. Dieser Konflikt zeigt sich in den Antworten der Befragten, die sich in auffälliger Weise von Oben nach Unten unterscheiden. So wird die Vorstellung, mit eigenem Handeln etwas gegen ökologische Krisen bewirken zu können immer mehr verneint, je niedriger der gesellschaftliche Status einer Person ist. In den unteren Positionen – vor allem im defensiv-reaktiven Spektrum – wird den Medien weniger vertraut, Wissenschaft skeptisch oder kritisch gesehen, Politik wird als für das eigene Leben bedeutungslos wahrgenommen, Globalisierung als letztlich schädlich für die Menschen gesehen, und auch technologische Entwicklungen wie die Digitalisierung und ganz besonders die Gentechnologie sowie auch gesellschaftliche Veränderung ganz allgemein stoßen vor allem dort auf Ablehnung oder werden mit Sorge betrachtet. Bei Personen hingegen mit höherem Status – vor allem in besser gestellten Teilen des konservativ-wachstumsorientierten und des ökosozialen Spektrums – genießen alle diese Institutionen, Technologien und Prozesse weit überwiegend Vertrauen und Zustimmung. Zusammengefasst steigt die Neigung, Veränderungen abzuwehren und die Wahrnehmungen eigener Machtlosigkeit an, je niedriger der soziale Status eines Menschen ist. Spiegelbildlich befürworten Menschen, je höher ihr Status ist, gesellschaftlichen „Fortschritt“ und empfinden sich zunehmend handlungsmächtig und gestaltungsfähig. Somit stehen sich teils sozial mächtige Gruppen, die über einflussreiche Positionen aktiv Einfluss auf das gesellschaftliche Geschehen nehmen, an den gegenwärtigen Entwicklungen in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Medien, Technologie usw. mitwirken und von dieser Mitwirkung profitieren einerseits den Abhängigen, Machtlosen und Benachteiligten andererseits entfremdet gegenüber. Da hier verschiedene Bevölkerungsteile in unterschiedlichem Ausmaß in das gesellschaftliche Geschehen eingebunden sind, kann hier von einem Klassenkonflikt gesprochen werden. In diesen Befunden kommt übergreifend zum Ausdruck, dass sich Bevölkerungsgruppen vor allem des defensiv-reaktiven Spektrums und aus den schlechter gestellten Teilen des konservativ-steigerungsorientierten Spektrums überfordert fühlen von der zunehmenden gesellschaftlichen Komplexität und von den immer neuen Anforderungen, die technologische Neuerungen mit sich bringen. Sie empfinden es als belastend, dass immer größere Forderung nach produktiver und konsumtiver Leistung an sie gestellt werden, um die vorherrschende Wachstumsdynamik beizubehalten. Zudem fühlen sich viele Menschen aus diesen Spektren zunehmend fremdbestimmt durch abstrakte Wissensformen und Technologien und beherrscht durch ein abstraktes „System“, das den eigenen Bedürfnissen gegenüber gleichgültig ist und dessen Triebkräfte und Logik sich dem eigenen Verständnis verschließen. Als Ausdruck dieser abstrakten Beherrschung erscheinen auch Erkenntnisse der Klimaforschung, die daraus abgeleiteten Forderungen nach sozial-ökologischer Transformation und die zu ihrer Umsetzung ergriffenen politischen Maßnahmen. Die politische Gefahr hierbei besteht darin, dass sich Menschen aus dem konservativ-steigerungsorientierten und defensiv-reaktiven Spektrum zu einer mehrheitlichen Allianz einer autokratischen ‚Gegentransformation‘ zusammenfinden könnte. Wenn die Diagnose einer Spaltung durch Entfremdung richtig sein sollte, dann wäre der fortschreitende Vertrauensverlust und die zunehmende Entfremdung letztlich nur dadurch zu stoppen, der technisch-ökonomische Zwang aus den gegenwärtigen Prozessen beseitigt würde. Stattdessen sollten sich Zukunftsprozesse an den konkreten Bedürfnissen der Menschen orientieren.

Dieser neue sozial-ökologische Klassenkonflikt verläuft entlang der Macht- oder Herrschaftsverhältnisse der Gesellschaft und wird in der öffentlich-politischen Diskussion als solcher bislang kaum zur Kenntnis genommen. Vielmehr wird der Konflikt zwischen den Oberen und den Unteren in der Gesellschaft verkürzt als Verteilungskonflikt dargestellt, bei dem der Reichtum und die Verschmutzungschancen von ganz oben, also von einer kleinen Gruppe der „Verschmutzerelite“ nach unten verteilt werden soll. Denn solange bei Vielen der Eindruck vorherrscht, dass gerade den weniger Privilegierten zunehmend Verzicht oder Anpassungsleistungen im Sinne des Klimaschutzes abverlangt werden, während die Reichen und Mächtigen ungehindert weitermachen wie zu vor, werden auch klimapolitisch unbedingt notwendige Veränderungen als ungerecht wahrgenommen und schon deshalb scharf abgelehnt werden. Keine Frage: die wahrgenommene Schonung der Mächtigsten und am stärksten für die Krise Verantwortlichen ist ein Transformationshindernis, das durch eine Politik der vordringlichen Reduzierung von „Luxusemissionen“ und der eben angesprochenen Umverteilung bearbeitet werden muss. Doch wie oben beschrieben, verbirgt sich hinter einem Oben-Unten-Konflikt weitaus mehr als ein Verteilungskonflikt, nämlich der beschriebene sozial-ökologische Klassenkonflikt.

2. Konflikt zwischen öffentlich-allgemeinen und privat-partikularen Interessen

Wesentlich ist weiterhin der Konflikt zwischen Interessen, die auf die privaten Besitzinteressen Einzelner gerichtet sind und gemeinschaftlichen Interessen, die auf das öffentliche Gemeinwohl abzielen. Dieser Konflikt wird irritierenderweise in der Öffentlichkeit zu einem Kultur-Konflikt reduziert, der mal als ein Konflikt zwischen Stadt und Land, mal als ein Generationenkonflikt und anderswo wiederum als ein Konflikt zwischen männlich-autoverliebten und weiblich-ökologischen „Milieus“ beschrieben wird. Doch aus den Umfragedaten von flumen ist ablesbar, dass der Konflikt nicht einfach zwischen Identitäten besteht, sondern vielmehr zwischen Interessen, die an spezifische soziale Positionen geknüpft sind. Da sind zum einen diejenigen, deren Status sich mehr auf Privateigentum stützt und die daran interessiert sind, dieses zu erhalten oder auszuweiten. Sie sind vor allem im konservativ-steigerungsorientierten und defensiv-reaktiven Spektrum zu finden. Zu ihnen zählen viele Beschäftigte in technischen und organisatorischen Berufen in der Privatwirtschaft (leitende und technische Berufe in Industrie, Bau, Handwerk, Finanz- und Versicherungsbranche, Logistik, Handel), aber auch viele Ruheständler:innen. Sie möchten vor Ansprüchen „der Gesellschaft“ bzw. des Staates geschützt werden und wünschen sich eine Politik der Begünstigung und „Entlastung“ von Eigenheimbesitzer:innen, Autofahrer:innen und Unternehmen sowie möglichst wenig Besteuerung und Einmischung in die eigenen „privaten“ Angelegenheiten. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, deren Status sich mehr auf Bildung, eher geringe materielle Ressourcen und interpersonale, öffentlich finanzierte Tätigkeiten in Wissenschaft, Erziehung/Unterricht, Kunst/Kultur, Gesundheits- und Sozialwesen, aber auch in Hilfsarbeiten und Nicht-Erwerbstätigkeit stützt. Sie sind vor allem im ökosozialen Spektrum zu finden. Ihr Interesse gilt eher der Bereitstellung allgemein zugänglicher, öffentlicher (Infra-)Strukturen und möglichst günstigem und garantiertem Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen. Damit priorisieren sie Maßnahmen, die gerade stärkere Regulierung, Besteuerung und ein stärkeres In-Verantwortung-Nehmen von Eigentümer:innen seitens des Staates verlangen würden. Es geht hier also vielmehr um Interessen, die sich aus der Lage innerhalb der Gesellschaft ergeben, als um Identitäten oder kulturelle Faktoren. Doch es erscheint in manchen Fällen vorteilhafter, den Konflikt öffentlich darauf zu reduzieren, wie Menschen eingestellt sind und so beispielsweise „die Ökos“ und „die einfachen Leute“ gegeneinander auszuspielen. Auf diese Weise können vor allem diejenigen, die Besitzinteressen verteidigen wollen, Forderungen nach Umverteilung von „Privat“ zu „Öffentlich“ abwehren. Dies kann aber gefährlich sein. Denn politisch wird so gerade die Gemeinsamkeit zwischen konservativ-steigerungsorientierten und defensiv-reaktiven Mentalitäten ins Zentrum gestellt, was die gleichzeitige verbale Abgrenzung gegenüber politisch rechten Kräften zunehmend weniger überzeugend macht.

3. Konflikt um die Kosten der sozial-ökologischen Transformation

Die dritte Konfliktlinie beschreibt den Konflikt um die Notwendigkeit und Reichweite sozial-ökologischer Transformation sowie um den Umgang mit deren erwarteten finanziellen und materiellen Kosten. Wer ist bereit sie zu tragen, wer kann sie tragen, wer verweigert sich? Erkennbar wird der Konflikt an den Antworten, die Befragte auf die Fragen nach Befürwortung oder Akzeptanz von Preissteigerungen und Jobverlusten infolge ökologischer Krisenbewältigungsmaßnahmen gegeben haben. Der starke Gegensatz in der Beantwortung dieser Fragen zwischen den Mentalitäten des ökosozialen Spektrums und denen des defensiv-reaktivem Spektrums hat deutliche Entsprechungen auf der Ebene der Branchen, in denen die Befragten tätig sind: Akzeptiert werden Preissteigerungen und Jobverluste häufiger von Wissensarbeiter:innen und Beschäftigten in interpersonalen Dienstleistungen (Wissenschaft, Bildung, Gesundheit/Soziales), stark abgelehnt in Niedriglohnbranchen, die durch Strukturwandelprozesse stark unter Druck stehen (Logistik, Handel/Kfz-Gewerbe). Es ist aber zunächst eine Spannung, keine Spaltung, weil sich diese Konfliktdimension prinzipiell durch Umverteilung entspannen ließe. Genau um diesen Aspekt drehen sich aktuelle Diskussionen um Entlastungspakete u.ä. Dahingehend zeigt die Umfrage, dass die Befragten mit einer ökosozialen Mentalität steuer- und sozialpolitische Umverteilungsmaßnahmen zugunsten betroffener Beschäftigter deutlich mehrheitlich befürworten. Politisch scheitern Umverteilungsversuche hingegegn eher an wirtschaftlichen Eliten und Mentalitäten der konservativen Mitte, die Umverteilungsversuche zu verhindern wissen, in dem sie auf der Schuldenbremse beharren und sich wegen ihrer Besitzinteressen gegen Steuererhöhungen aussprechen. In der öffentlichen Debatte wird dieser Aspekt jedoch oftmals kaum erwähnt, dem ökosozialen Mentalitätstyp in den Städten wird hingegen ein dünkelhaftes Herabschauen auf schlechter verdienende und potentiell stärker betroffene auf dem Land unterstellt.

4. (Latenter) Konflikt um Externalisierung / Internalisierung der sozialen und ökologischen Lasten

Ein vierter latenter Konflikt betrifft die Kosten des Nicht-Wandels, also eines Weiter-So. Dahinter steht, dass bestimmte Praktiken und Lebensweisen, die hierzulande als normal gelten und von der gesellschaftlichen Mitte als legitimer Anspruch betrachtet werden, soziale und ökologische Lasten hervorrufen. In anderen Worten, es geht um die Frage des gesellschaftlichen Steigerungszwangs und der damit verbundenen Externalisierung von Kosten der Lebensweise auf Natur, marginalisierte Arbeitende und andere Weltregionen. Der Soziologe Stephan Lessenich hat diesen Prozess der gesellschaftlichen Selbststabilisierung durch stetiges Auslagern und Abwälzen, Aneignen, Ausbeuten und Ausblenden mit dem Begriff der Externalisierungsgesellschaft belegt. Ulrich Brand und Markus Wissen sprechen von einer Imperialen Lebensweise. Zwar lassen sich die von diesen Diagnosen angesprochenen global wirkenden Ungleichheiten und Machtverhältnisse in unserer Umfrage nicht in Gänze abbilden, weil der Datensatz lediglich einen nationalen Sozialraum abbildet. Wohl aber verdeutlicht unsere Umfrage die Verhältnisse der Aneignung von un- oder unterbezahlter Arbeit, des ungleichen Naturverbrauchs und der Auslagerung/Abwälzung von Lasten durch die produktiven und konsumtiven „Kerne“ der hiesigen Gesellschaft auf die zum großen Teil von Frauen und Migrant:innen bevölkerten „inneren Peripherien“. Typische Tätigkeiten in diesen peripheren Räumen sind unsichere, ungeschützte, unterbezahlte, gering qualifizierte und sozial abgewertete „reproduktive“ Dienstleistungen (z.B. Altenpflege, Gebäudereinigung, Bringdienste), unbezahlte Sorgearbeit (Kindererziehung, Angehörigenpflege) oder oft von Wanderarbeiter:innen verrichtete landwirtschaftliche Hilfstätigkeiten (Spargelernte, Fleischverarbeitung).

Podiumsdiskussion

Moderation: Malene Gürgen (taz.die tageszeitung)

Diskutant:innen: Dr. Dennis Eversberg (flumen, FSU Jena), Prof. Dr. Daniela Gottschlich (Hochschule für Gesellschaftsgestaltung), Teresa Gärtner (ver.di Jena) und Robert Pauli (Klimaentscheid Jena)

Malene Gürgen fragt Daniela Gottschlich, welche Aspekte der Studienergebnisse Sie überraschend fand und welche Sie so erwartet hätte? Erwartbar fand Daniela Gottschlich die breite Zustimmung zu allgemeinen Prinzipien der Nachhaltigkeit und dass es aber immer dann problematisch würde, wenn es um konkrete Maßnahmen geht. Die Mentalitätsforschung leiste hier einen wesentlichen Beitrag zum besseren Verständnis dieser Widersprüchlichkeit und eröffne Möglichkeiten, in diese Konfliktsituationen einzugreifen bzw. Strategien für die Ausarbeitung konkreter Maßnahmen zu entwickeln. Die Ergebnisse der Studie seien eher erhellend als überraschend gewesen. Zu ihnen gehört der ausgearbeitete Verteilungskonflikt zwischen dem Allgemeinwohl einerseits und den Partikularinteressen und dem dazugehörigen Anspruch, das Leben des Einzelnen müsse sich nicht verändern und es sei völlig legitim auf Kosten und Lasten anderer zu leben, andererseits. Dieser Konflikt müsse unbedingt stärker ins politische Bewusstsein und in politische Diskurse gebracht werden. Ebenso der Entfremdungskonflikt. Dieser Befund würde ja auch in anderen Studien bestätigt und gespiegelt, beispielsweise in der Jugendstudie „Hört uns zu“ der Vodafone Stiftung, in der 14 bis 18-jährige ihr fehlendes Vertrauen in politische Parteien geäußert hätten. Oder die „Mitte“-Studie der Universität Bielefeld von 2023, die zeigt, dass rechtsextreme Positionen in Deutschland seit 2021 stark zugenommen haben und etwa ein Fünftel der Bevölkerung sich nicht klar von rechtsextremen Positionen abgrenzt. Gottschlich ist der Ansicht, dass die Gefahr einer autoritären Transformation, wie sie sich in der Umfrage abzeichnet, eine reale Gefahr darstelle.

Teresa Gärtner wird gefragt, wie sie den Konflikt um die Kosten einer Transformation in Ihrer Arbeit wahrnehme? Spielten beispielsweise die Fragen nach möglichen Jobverlusten im Zuge des Klimaschutzes eine Rolle? Teresa Gärtner sieht nicht, dass die Beschäftigten in den Branchen Bildung und Gesundheit sich wegen möglicher Jobverluste sorgen würden. Eher fehlten in diesen Branchen Fachkräfte. Angst um den eigenen Arbeitsplatz – das sei sicher eher Thema bei der IG Metall und IG Bergbau, Chemie, Energie. So sinnvoll es ist, über den Wegfall von Arbeitsplätzen zu reden und sich darauf vorzubereiten, so vermisse sie doch das Reden über andere Branchen. Es wäre sehr begrüßenswert, wenn mehr Arbeitskräfte in die Pflege und Bildung kämen und das Gesundheitssystem besser ausgebaut würde. Überhaupt würde in der Öffentlichkeit zu vordergründig über die Industrie und deren Belange in einem Wandelprozess geredet. Sie vermisse die umgekehrte Thematisierung: Wo möchte die Gesellschaft hin? Wo benötigt unsere Gesellschaft Arbeitsplätze? Wie können Arbeitsplätze in interpersonalen Bereichen attraktiv gemacht werden? Sie schließt daraus, dass in Ihrem Arbeitskontext zwar einige transformationsrelevante Kosten, wie Wegfall bestimmter Arbeitsplätze, kaum mit Sorge betrachtet würden, andere Kostenfragen wie Preiserhöhungen würden hingegen schon eine Rolle spielen – allerdings vor allem dann, wenn gleichzeitig herausfordernde und ungerechte Beschäftigungs- und Lebenssituationen unverändert blieben.

Weiter fragt Frau Gürgen, ob die Gewerkschaften hier nicht stärker zusammenarbeiten und die Risiken und Chancen der Transformation für Arbeitsplätze nicht einheitlicher bearbeiten könnten? Das müssten sie sicher tun, so Teresa Gärtner, aber einerseits würden nun einmal bestimmte Gewerkschaftsstimmen die öffentlichen Diskursen dominieren, andere seihen weniger wahrnehmbar. Andererseits seien verschiedene und sich gegenüberstehende politische Lager auch innerhalb der Gewerkschaften vertreten, sodass sich auch hier Interessenskonflikte abzeichneten und ausgetragen würden. Grundsätzlich sei aber eine Verständigung zum Thema „Arbeitsplatzwegfall versus Arbeitsplatzleerstellen in Deutschland“ notwendig.  

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Malene Gürgen fragte Robert Pauli: Die Studie zeigt, dass Klimaschutzmaßnahmen eher befürwortet werden, wenn sie abstrakt sind und wenig in den Alltag eingreifen. Der Klimaentscheid Jena hat durchgesetzt, dass die Stadt bis 2035 klimaneutral wird – das klingt auch erst einmal abstrakt, hat aber konkrete Auswirkungen. Fängt die schwierige Phase jetzt erst an, wo es um die konkrete Umsetzung geht? Robert Pauli bestätigt, dass jetzt, wenn es an die Umsetzung und an die konkreten Maßnahmen gehe, die Schwierigkeiten zunehmen würden. Die Abstimmungsfragen wären oftmals eher allgemein gehalten, da viele konkrete Maßnahmen und Schritte gar nicht auf der Ebene eines Klimaentscheids zu entscheiden oder festzulegen gewesen sein – und bei den eher abstrakt formulierten Aussagen eine Zustimmung von sowohl Bürger:innen wie gewählten Vertreter:innen leichter zu erreichen sei. Nun, in der Phase der Umsetzung des Klimaaktionsplans, werde es um konkrete Maßnahmen gehen und Konfliktpotentiale seien absehbar. Andererseits böte die derzeitige Gesellschafts- und Klimakrise auch die Chance, neue Wege für Abstimmungen und Diskussionen zu konkreten Maßnahmen zu finden. Statt als Bürger:in lediglich nur politisch beschlossene Maßnahmen vorgesetzt zu bekommen und eventuell mit einer Wahlstimme darauf zu reagieren, wäre es wünschenswert, wenn direktere Aushandlungsprozesse entstehen würden. Beispielsweise über Bürgerräte, in denen die verschiedenen Mentalitäten der Bevölkerung auch eher vertreten wären.   

Dennis Eversberg wird gefragt, welche Erklärungsansätze er dafür sähe, dass öffentliche Debatten zum Thema Heizungsgesetz oft sehr polarisiert abliefen, als stünden sich klar umrissene Lager gegenüber. Dennis Eversberg antwortet, auch die Beschreibung der drei Mentalitätsspektren aus der Umfrage darauf abzielten, gesellschaftliche Spaltungen verständlicher zu machen. In konkreten Fragen könnten sich natürlich schon auch immer wieder Fronten auftun zwischen Interessen, beispielsweise den Interessen von Eigentümer:innen auf der einen Seite und Mietenden auf der anderen.

Im historischen Vergleich seit 2018 könne im Übrigen eine interessante Entwicklung beobachtet werden. Das Bild der Fronten ändere sich stark. Das läge auch daran, dass sich Mentalitäten änderten. Und da hätten die öffentlichen Diskurse, die geführt würden, sicher eine Wirkung. Beispielsweise könne man überlegen, ob diese ständige Rhetorik „die abgehobenen Grünen und Linken in den Städten hätten kein Verständnis für die einfachen Leute, wo es den einfachen Leuten nur darum ginge, ihr Häuschen und Auto erhalten zu dürfen“ dienlich sei. Bei dieser Rhetorik fehlten die von Teresa angesprochenen Leute bzw. deren Themen. Dennis Eversberg hätte vormals bereits Mentalitätstypen auf Grundlage der Umweltbewusstseinsstudien 2016, 2018 und 2022 des UBA beschrieben. In diesem Zeitabschnitt seien vehemente Veränderungen sichtbar: 2016 beispielsweise hätte es noch eine prekäre ökosoziale Mentalität gegeben, die in Veränderungen durchaus ein Mittel zur Veränderung der Prekarität gesehen habe. Heute sei das anders. Das läge vielleicht in demografischen Parametern begründet: junge Leute fühlten sich nicht mehr prekär und hätten auch keine Verbindung mehr zum Prekären. Sie seien aber gebildeter und mehr in soziale Bewegungen eingebunden. Hier klaffe eine Lücke zwischen ihnen und den heute sich in prekären Situationen Befindlichen.

Malene Gürgen merkt an, dass Forderungen nach einer verbesserten öffentlichen Infrastruktur selten in Verbindung mit Klimaforderungen stünden. Sie fragt Teresa Gärtner, welchen Beitrag die Gewerkschaften dafür leisten könnten, dass soziale und ökologische Forderungen nicht als Widerspruch wahrgenommen würden, und was sie dafür bräuchte? Ja, Strukturen müssten verbessert werden, so Teresa Gärtner. Ein zentrales Problem sei die Belastung der Beschäftigten und das Empfinden „Ich werde allein gelassen in der Gesellschaft, bin in der Gesellschaft unsichtbar. Und dann wird mir wieder etwas vorgeschrieben von der Politik.“Das mache sich bemerkbar in der ständigen politischen Forderung nach einer schwarzen Null und der damit zusammenhängend Botschaft, die Gesundheits- und Pflegesysteme seien nicht reformierbar. Schon allein aus dieser Wahrnehmung heraus stünden viele Menschen politischen Maßnahmen ablehnend gegenüber. Im Hinblick auf das Heizungsgesetz gehe es also vielleicht nicht unbedingt um das generelle Ablehnen ökologischer Motive, sondern eher darum, dass wieder etwas aufgedrückt würde, wobei die eigentlichen, alltäglichen Probleme aber immer noch unberührt blieben. Aus der Gesellschaft wünsche sie sich Unterstützung: mehr Verständnis, mehr Hinsehen in die Sorge-Sektoren der Gesellschaft. Von Betroffenen erhoffe sie sich, dass diese sich selbst ernster nähmen und sich organisierten. Das Problem sei aber vielschichtig. So nähmen einzelne Personen oft auch unterschiedliche, teils sich widersprechende Positionen ein. Wenn also einerseits die Pflegefachkraft eine sozial-ökologische Transformation befürworte, vor allem weil damit auch die Chance verbunden sei, in ihren Belangen etwas zum Besseren zu verändern. Sie aber gleichzeitig als Hauseigentümern beispielsweise die ökologischen Maßnahmen wie das Heizungsgesetz ablehne. Zunächst wäre es wohl wichtig, genauer auf die Belange bestimmter sozialer Gruppen zu schauen, diese ernst zu nehmen und sie öffentlich stärker zu vertreten.

Malene Gürgen nimmt Bezug auf den Befund der Umfrage, Mentalitätsspektren unterschieden sich in der Frage, was Wohlstand bedeute. Sie fragt Daniela Gottschlich, wie wir dahinkämen, dass Wohlstandsvorstellungen, die weniger auf materiellem Besitz und Wachstum gründeten, nicht nur für eine Minderheit attraktiv blieben? Daniela Gottschlich möchte unterschiedliche Antworten für unterschiedliche Gruppen in der Gesellschaft geben. Für die oberen 10% verfolge sie eine konfrontativere Strategie: Hier sei eine Repolitisierung notwendig und der Anspruch, business as usual zu Lasten anderer betreiben zu dürfen, müsse zurückgewiesen werden. Hier lohne es sich nicht zu überlegen, wie wir sie erreichen und mitnehmen. In Bezug auf das Dilemma, dass viele Menschen einerseits die Dringlichkeit und Notwendigkeit von Klimaschutzmaßnahmen einsehen, dann aber konkreten Klimaschutzmaßnahmen ablehnend gegenüberstehen, hätte sie folgenden Vorschlag. Bei konkreten Regulierungen sei es ratsam, Argumente anders anzuführen: Statt Einschränkung der Freiheit solle die Erweiterung von Freiheiten und die Verbesserung von einzelnen Aspekten des Lebens wie Gesundheit betont werden. Überhaupt solle in öffentlichen Diskursen die Frage „Was gehört zu einem guten Leben?“ stärker in den Fokus rücken. Muss Wohlstand sich an Wachstum messen? Eine Harvard-Studie dazu hätte herausgestellt, dass die Menschen in erster Linie tragfähige soziale Beziehungen, Gleichheit und Wirksamkeit als erfüllende Kategorien empfänden. Mehr Zeit, Gleichheit und Solidarität seien wichtig für ein als glücklich erlebtes Leben.

Die Studie, so Malene Gürgen, zeige, dass hinter vermeintlich kulturellen Konflikten oft materielle Interessengegensätze stünden, andererseits scheine bspw. beim Kampf um das Auto tatsächlich nicht entscheidend zu sein, wie stark man auf das Auto angewiesen sei, sondern welche kulturelle Bedeutung es im Leben einnähme. Müsste an solchen Stellen, fragt Malene Gürgen Dennis Eversberg, also letztlich doch ein Kulturkampf geführt werden? Ein Stückweit sei es natürlich eine Identitätsfrage, aber um aus dem Terrain des Kulturkampfes herauszukommen, helfe es sicher, alles eher sachlich zu argumentieren. Nicht emotional. Betont nüchterne Diskussionen um Gerechtigkeitsfragen, herrschaftliche Naturverhältnisse und Sozialverhältnisse hülfen mehr herauszustellen, wer in der Gesellschaft wirklich die Lasten trage. 

Malene Gürgen wendet sich an Robert Pauli: Der Klima-Aktionsplan sähe vor, den PKW-Verkehr in Jena bis 2035 um 30 Prozent zu reduzieren, auch mit “Push-Maßnahmen”, also ordnungsrechtlich-restriktiv. Was bedeute das, und wie ließe sich vermeiden, dass es dagegen einen massiven Backlash gibt? Besonders beim Verkehr müssten auch restriktive Maßnahmen sein, so Robert Pauli. Gerade, weil Verkehr auch viel mit Habitualisierung, also fest eingefahrenen Gewohnheiten zu tun hätte. Allerdings könnten Alternativen restriktive Maßnahmen ausgleichen: ein funktionierender und alltagspraktischer ÖPNV müsste parallel angeboten werden.

Malene Gürgen merkt an, dass in den letzten Monaten viel darüber diskutiert wurde, inwiefern die Aktionen der Letzten Generation kontraproduktiv für die Anliegen der Klimaschutzbewegung seien, weil sie “normale Menschen” gegen sich aufbringe. Was ließe sich ausgehend von den Erkenntnissen der Studie dazu sagen? Die Unterstützung der Klimabewegung in der Bevölkerung gehe tendenziell zurück, antwortet Dennis Eversberg. Es sei aber unklar, welchen Anteil dabei die Letzte Generation hat. Der Konflikt muss aber am Kochen gehalten werden, weil die Probleme nicht ignoriert werden dürften. Die Kritik, die gegenüber der Letzten Generation angeführt werden könnte lautet: es fehlt die Perspektive, wie die Letzte Generation sozial weitere Kreise erreichen möchte. Sie weise zu wenige thematische Anknüpfungspunkte zu anderen sozialen Gruppen und deren Realitäten auf, wie es beispielsweise Fridays for Future mit Themen wie Klimagerechtigkeit getan hätten.

Malene Gürgen fragt Teresa Gärtner, welche Ansatzpunkte sie für ein stärkeres Zusammengehen von sozial ausgerichteten und ökologisch ausgerichteten Akteuren, oder konkret den Gewerkschaften und der Klimabewegung sähe? Was empfinde sie dabei als kontraproduktiv, was als hilfreich? Bei der Zusammenarbeit müsse eine gemeinsame Sprache entwickelt werden, findet Teresa Gärtner. Wichtig sei eine wertschätzende Sprache. Klimafragen müssten verbunden werden mit sozialen Fragen wie der öffentlichen Daseinsvorsorge und Sorgearbeit. Die Care-Krise müsse zusammen mit der Klimakrise diskutiert werden. Klima sei in den Medien besser zu ‚verkaufen‘, aber was ist eigentlich wirklich wichtig in der Gesellschaft? Das müsse stärker in den Mittelpunkt gerückt werden. Auch von den Gewerkschaften. Auch die Demokratisierung müssen Gewerkschaften stärker im Blick behalten: wer fühlt sich nicht gesehen und unbeteiligt?

Daniela Gottschlich wird von Frau Gürgen gefragt, welche konkreten Impulse von feministischen Ansätzen für die sozial-ökologische Transformation ausgehen könnten? Daniela Gottschlich merkt an, die Thematisierung der Daseinsvorsorge sei von Teresa Gärtner ja schon genannt worden. Gute Sorge um sich, für andere, für die Natur – das sei die Grundlage für Gesellschaft. Darüber hinaus seien Allianzen mit Ansätzen wie Degrowth denkbar sowie mit dem neuen Ansatz der foundational economy (Alltagsökonomie), die danach fragt, wie wir Verkehr, Wohnen, Energie so hinbekommen, dass Bedarfe gedeckt werden und zudem auf gerechte und sichere Art. Aus feminsitischer Perspektive sollten die Menschen sich selbst im sozial-ökologischen Kontext denken. Das heißt, Abhängigkeiten nicht leugnen, stattdessen schauen, wie ein Leben trotz derzeit zerstörerischer Verhältnisse im Carebereich wie im Klimabereich möglich sei.  

Malene Gürgen fragt Robert Pauli, welche Allianzen beim Klimaentscheid in Jena konkret geholfen hätten und was andere Orte davon lernen könnten? Die einzelnen Klimagruppen in Jena hätten gut zusammengearbeitet, findet Herr Pauli. Auch die Vernetzung mit der Stadtverwaltung sei überraschend gut gelaufen. Die Vernetzung zu sozialen Bewegungen sei weniger gut gewesen, da gäbe es noch Handlungsbedarf.

Eine Publikumsfrage richtet sich an Dennis Eversberg: Warum sei auf der einen Folie keine Überlappung der Partei Die Linke mit irgendeiner Mentalität zu erkennen? Das sei in der Tat frappierend, so Dennis Eversberg. Es gäbe eine starke Deckung der Spektren mit Parteien. Im ökosozialen Spektrum würden eher die Grünen gewählt, im defensiv-reaktiven Spektrum die AfD und im steigerungsorientierten Spektrum seien FDP, CDU und SPD-Wähler stark vertreten. Die Linken hingegen seien nicht verankert in den Spektren. Keine Mentalität stünde in Resonanz mit den Programmen der Linken.   

Wir danken ganz herzlich unseren Gäste Prof. Dr. Daniela Gottschlich, Teresa Gärtner und Robert Pauli sowie der Moderation Malene Gürgen für die spannende Diskussion!

Dennis Eversbergs Beitrag „Die Spannung steigt!? Sozial-ökologische Mentalitäten in Deutschland am Vorabend von »Fridays for Future«“ beim Forschungskolloquium von Prof. Lessenich am 24.11.2020

Die Spannung steigt!? Sozial-ökologische Mentalitäten in Deutschland am Vorabend von »Fridays for Future« – mit diesem Titel nimmt Dennis Eversberg als Referent am Forschungskolloquium „Gesellschaftsanalyse und Gesellschaftskritik“ an der Ludwig-Maximilians-Universität in München teil.

Seit einiger Zeit scheint sich das Klima nicht mehr nur biophysikalisch, sondern auch gesellschaftlich-politisch aufzuheizen. Während die Einen auf die Straße oder in Wälder und Kohlegruben gehen, um ein schnelles Umsteuern weg vom Fossilismus und hin zu globaler Klimagerechtigkeit zu fordern, haben andere die Leugnung der menschengemachten Klimakrise und den Widerstand gegen die Energiewende als politisches Mobilisierungsfeld für autoritär-nationalistische Ideologien entdeckt. Täuscht dieser Eindruck, oder polarisiert sich der sozial-ökologische Konflikt in Deutschland? Anhand einer Sekundäranalyse der Befragung „Umweltbewusstsein in Deutschland 2018“ kartiert der Vortrag die „Landschaft“ sozial-ökologischer Mentalitäten hierzulande kurz vor dem jüngsten Aufschwung der Klimabewegung und analysiert die Dynamik des Konflikts innerhalb der Bevölkerung zu diesem Zeitpunkt.

Wann? am 24. November 2020, 18:00-20:00 Uhr
Wo? online über Zoom

Das Forschungskolloquium wird organisiert von Prof. Dr. Stephan Lessenich (Lehrstuhl Soziale Entwicklungen und Strukturen, LMU München) in Kooperation mit der Münchner Projektgruppe für Sozialforschung e.V. und dem Institut für Soziologie.

Working Paper Nr. 1 veröffentlicht

Die Nachwuchsgruppe flumen hat die erste Nummer ihrer Working-Paper-Reihe online gestellt. Er kann hier aufgerufen werden.

Dennis Eversberg (2020): Bioökonomie als Einsatz polarisierter sozialer Konflikte? Zur Verteilung sozial-ökologischer Mentalitäten in der deutschen Bevölkerung 2018 und möglichen Unterstützungs- und Widerstandspotentialen gegenüber bio-basierten Transformationen.

Abstract

Dieses Papier entwickelt mit den Daten der Befragung „Umweltbewusstsein in Deutschland 2018“ von Bundesumweltministerium und Umweltbundesamt eine Typologie von elf unterschiedlichen Mustern sozial-ökologischer Einstellungen oder Mentalitäten in der deutschen Bevölkerung und fragt danach, inwiefern die Transformationen von Wirtschaft und Gesellschaft hin zu einem post-fossilen Modell, die derzeit unter dem Schlagwort der Bioökonomie diskutiert werden, Gegenstand von zunehmenden Spannungen oder Konflikten zwischen sozialen Gruppen mit unterschiedlichen Mentalitäten werden. In einem ersten Schritt werden mit Hilfe einer Faktorenanalyse sechs verschiedene Dimensionen sozial-ökologischer Einstellungen identifiziert, bevor dann im Abgleich der Ergebnisse von drei unterschiedlichen auf diesen Faktoren basierenden Clusteranalysen elf verschiedene Typen von Einstellungsmustern voneinander abgegrenzt und in ihren verschiedenen Varianten beschrieben werden. Mittels Indizes für die kulturelle und ökonomische Kapitalausstattung der Befragten werden diese Einstellungsmuster dann in ihren jeweiligen idealtypischen Verortungen im sozialen Raum nach Bourdieu zueinander ins Verhältnis gesetzt und in ihren wechselseitigen Beziehungen untersucht. Dabei ergibt sich das Gesamtbild einer groben Dreiteilung der Bevölkerung in ein ökosoziales Lager, das ca. ein Drittel der Bevölkerung umfasst und weitreichende Vorstellungen einer postfossilen Transformation nicht nur der Wirtschaft, sondern auch der vorherrschenden Lebensweisen aktiv befürwortet, ein liberal-steigerungsorientiertes Lager von rund 40%, das an Vorstellungen von ökonomischem Wachstum und steigendem Wohlstand festhält und solche Transformationen bislang nicht zu akzeptieren bereit ist, wenn sie diese Ziele in Frage zu stellen drohen, sowie ein autoritär-fossilistisches Lager, das faktisch eine Rückkehr zu überholten Wirtschafts- und Gesellschaftsmodellen des 20. Jahrhunderts anstrebt, die auf bio-basierter Grundlage unmöglich sein wird. Die (noch) eher latente Konfliktkonstellation zwischen diesen drei Lagern am „Vorabend“ der Fridays-for-Future-Proteste wird skizziert, bevor abschließend gefragt wird, welche Vorstellungen einer bioökonomischen Transformation aus Sicht der verschiedenen Mentalitäten und Lager Unterstützung finden, aber auch zu welchen zunehmenden Polarisierungen sie führen könnten.

Dennis Eversberg bei der Summer School POLITICS, ONTOLOGIES, ECOLOGIES


Bei der diesjährigen „Summer School – Politics, Ontologies, Ecologies“ vom 29. Juni bis 3. Juli 2020 hielt Dennis Eversberg einen Vortrag zu Degrowth Mentalities, Degrowth Ontologies. Die „Summer School“ ist ein internationales Podium. Sieben Wissenschaftler*innen präsentierten Themen aus der politischen Ökologie und konfligierenden Ontologien in Bezug auf die ökologische Krise. Die Website der „Summer School“ findet sich hier: http://www.poeweb.eu/summer-school/

Die englischsprachige Präsentation zum Vortrag kann hier heruntergeladen werden: